Vampirwaschbaers Wahnsinn

Kurzgeschichte von Alexis Snow – Teil 2

Weiter geht es. Hier kommt ihr zum 1. Teil.
Um 18 Uhr geht es in die letzte Runde =)

 

Warm eingepackt verlassen wir das Haus und treten in den Schnee. Bei jedem Schritt sinke ich wenige Zentimeter ein, wobei der Schnee knirschend weicht. Es fühlt sich befreiend an, sich in der Landschaft zu verlieren.

Tief atme ich die frische Luft ein und lasse meinen Blick schweifen. Das Haus befindet sich tatsächlich auf einer Lichtung, die von einem düster wirkenden Wald umgeben wird. Das Einhorn und die kleinen, fliegenden Geschöpfe, die ich Feen nannte sind verschwunden. Schade eigentlich, denn zu gerne hätte ich sie von Nahem gesehen. Wann hat man schon einmal die Möglichkeit, diese Wesen hautnah zu sehen?

Zielstrebig führt Niko mich zu dem finsteren Wald, der alles andere, jedoch nicht einladend wirkt. »Warum führst du mich in die Dunkelheit, Niko?« Sein Lächeln ist verblasst, aber sein Gesicht sieht noch immer wunderschön aus, auch, wenn es nun eine Trauer widerspiegelt, die mich verwirrte. »Niko? Was ist los?« Er antwortet mir nicht, sieht mich nur mit grauen, traurigen Augen an.

Er nimmt meine Hand und zerrt mich förmlich in den Wald hinein. Ich versuche mich mit Händen und Füßen zu wehren, doch sein Griff gleicht einer Rohrzange, der man nicht entkommen kann und zieht mit unerbittlich voran. »Emmi, vertrau mir bitte.«

Mein Widerstand lässt bei diesem Spitznamen nach und weckt erneut ein altes, bekanntes Gefühl. In meinem Bauch kribbelt es und ich spüre, wie mir Tränen über die Wangen laufen. Warum weine ich? Wegen eines Spitznamens? Verwirrt blinzle ich und wische mir hastig die Tränen aus meinem Gesicht.

»Vertrau mir, dann wirst du sehr bald verstehen, okay?«, fragt er mich und ein Teil der Trauer verschwindet aus seinen Augen, als ich nicke. Er drückt noch einmal meine Hand, bevor er sie loslässt und in den Wald tritt. Ich atme noch dreimal tief ein, bevor ich den letzten Schritt in den Wald wage und dem Fremden folge.

 

Er wartet bereits lässig an einen Baum gelehnt und lächelt mich aufmunternd an. »Emilie, es ist wichtig, dass du jetzt nicht mehr umkehrst. Hörst du? Egal was passiert, du musst vorwärts gehen.«

Seine Stimme klingt dringlich, also schlucke ich hörbar und nicke. »Verstanden.«

Wieso vertraue ich diesem Mann nur so sehr? Ich kenne ihn doch kaum, doch irgendetwas in mir drinnen sagt, dass ich ihm vertrauen kann.

Die ersten Schritte, die ich in diesem Wald mache, fühlen sich leicht und einfach an, doch mit jedem weiteren Schritt komme ich schwerer voran. Jedes Mal sinke ich tiefer in den Schnee, bis ich knietief im Schnee stecke. »Niko, der Schnee ist so tief, dass wir nicht weiter kommen. Lass uns umkehren und einen anderen Weg suchen«, rufe ich aus. Er schüttelt hastig seinen Kopf. Seine Antwort höre ich kaum, denn meine Sicht verschwimmt. Meine Umgebung bekommt einen milchigen Schleier, sodass ich die Augen schließe, weil mir schlecht wird.

Als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich zwar klar, doch der Rand meines Sichtfeldes ist verschwommen. Ich sehe Niko und mich, wie wir und eng umschlungen in einem Park stehen und uns küssen. Es ist ein leidenschaftlicher und intensiver Kuss, der die Luft um uns herum zum knistern bringt. Als wir uns trennen, lächeln wir verliebt. Dann kniet er vor mir nieder »Emmi, Liebling. Ich liebe dich so sehr und möchte mein Leben mit dir verbringen.« Er holt eine Schachtel aus seiner Tasche. »Emilie Marie Wagner, möchtest du meine Frau werden?« Das Lächeln meines anderen Ichs wird strahlender und fällt Niko um den Hals, während sie ein Ja herausschreit.

Dann verschwimmt die Sicht wieder und die Erinnerung verblasst. Ich blinzle noch ein paar Mal, dann stehe ich wieder in dem dunklen Wald mit Niko an meiner Seite.

»Niko«, hauche ich. »Warum hast du mir nichts gesagt? Ich habe mich die ganze Zeit gewundert, warum du mir so bekannt vorkommst und dann bist du mein Verlobter.« Ich boxe ihm verspielt in die Seite.

Er lächelt mich schüchtern an. »Weil du mir nicht geglaubt hättest, Liebling. Aber wir sind nicht nur verlobt, wir haben sogar geheiratet.«

Erstaunt blicke ich ihn an. Ein Bild von mir in einem wallenden, weißen Kleid blitzt auf. Er steht vor einem Altar und neben dem Pfarrer, während mein Vater mich zu ihm führt. Das Bild verblasst so schnell wieder, wie es erschienen ist.

»Komm Emmi. Der Schnee hat sich gelichtet.« Seit der Erinnerung habe ich meine Umgebung nicht mehr beachtet. Als ich mich umsehe, bemerke ich, dass der Schnee wie von Zauberhand verschwunden ist und wir auf einem Erdboden stehen, umgeben von grünen Tannen und Fichten. Den Boden säumen Tannenzapfen, während kleine Glühwürmchen darüber schweben. »Wie kann das sein? Was geschieht hier?«, flüstere ich.

»Dies ist der Wald der Erinnerungen. Stellst du dich deinen Erinnerungen, darfst du weiter gehen, flüchtest du davor, wirst du dich für immer verirren. Das gerade war eine leichte und schöne Erinnerung, doch die Prüfungen werden schwerer.« Verwirrt schaue ich zu meinem Mann. Was erzählt er mir für einen Mist?

Ich zucke mit den Schultern. Bisher hat er noch keine meiner Fragen beantwortet, also würde ich auf jede weitere auch keine Antwort bekommen. Es wird Zeit, dass wir hier heraus kommen.

»Lass uns weiter gehen, Niko.« Ich ergreife seine Hand und ziehe ihn weiter.

Mit jedem Schritt den wir machen, wird es kälter. Die Tannen sind nicht mehr grün, sondern werden von einer weißen Frostschicht überzogen. Ich kuschle mich näher an Niko, doch seine Körperwärme reicht nicht aus, um mich zu wärmen. Das Vorankommen wird immer schwieriger, weil meine Beine mittlerweile steif sind. Mein Körper schlottert wie wild und meine Füße und Hände spüre ich nicht mehr.

Da nehme ich ein herzliches Lachen wahr. Dann ein zweites und ein drittes. Es stammt von Kindern und lässt mein Herz aufblühen und schickt kleine Schübe von Wärme in meine steifen Knochen und Muskeln.

Wir bewegen uns auf das Lachen zu. Sobald wir es erreicht haben, erstarre ich. Es sind drei vollkommen identische Mädchen. Julia schießt es mir in den Kopf und dann sehe ich wieder Bilder. Wie mein Bauch wächst und wie ich mich schmerzverzerrtem Gesicht im Kreissaal liege. Ich sehe, wie ich Julia das erste Mal in den Armen halte, wie sie ihre ersten Worte spricht und anfängt zu laufen. Wie ein Schnellfilm läuft das Leben meiner Tochter vor meinen Augen ab.

»Niko, warum ist unsere Tochter drei Mal vor uns?« »Das ist deine Prüfung, Liebling. Finde unsere Tochter.« Genervt verdrehe ich die Augen und wende mich den Mädchen zu.

Wer von den dreien ist meine Süße? Ich betrachte sie genauer, doch es gibt wirklich keinen Unterschied. Ich schließe die Augen, versuche auf mein Bauchgefühl zu hören. Doch auch da spüre ich nichts. Sonst kann ich mich immer auf mein Bauchgefühl verlassen.

Da kommt mir eine Idee. Ich gehe langsam auf das Mädchen in der Mitte zu und beobachte genau die Gesichtszüge. Das Lächeln des Mädchens verändert sich, grinst hämisch und ich weiß, das ist nicht meine Tochter. Ich schwenke nach rechts um und sehe, wie sich dieses Gesicht leicht entspannt, als würde es etwas verheimlichen.

Also ist meine Tochter das Mädchen ganz links. Ich sehe dem Mädchen in die Augen. »Julia, Süße, komm her zu Mama.« Das Lächeln des Mädchens strahlt echt und freudig stürmt sie auf mich zu. Die anderen Mädchen verpuffen zu schwarzem Rauch.

Gleichzeitig spüre ich, wie sich mein Körper entspannt und ich langsam wieder auftaue. »Mein Liebling, wie konnte ich dich nur vergessen?«

Niko kommt zu uns und schließt sich der Umarmung an. »Kommt weiter, wir müssen den Wald verlassen.« Ich nicke und nehme die Hände von den zwei wichtigsten Menschen in meinem Leben.

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